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Für Schalke 04 angeblich zu schlecht, aber für VW gut genug (18.03.2011)

Warum der gescheiterte Schalker Aufsichtsrat zurücktreten und den Weg für einen echten Neuanfang frei machen sollte


Felix Magath ist kein Schalker mehr.

Vertreter der vielzitierten “kleinen Gruppe” mögen sagen: Das war er doch nie! Das ist eine reine Definitionsfrage.

Was dagegen klar ist: Magath war und bleibt ein schlauer Fuchs.
Von Schlakes Funktionären öffentlich in den Senkel gestellt konterte aus dieser scheinbaren Defensive unübertreffbar:

Nach ganzen zwei Tagen (!) beerbt er Littbarski und Hoeness bei Wolfsburg.

Erst jetzt wird klar, wer hier wen ausmanövriert hat, Herr Tönnies…

Doch was bleibt?

Gutes (der neue Trainer Rangnick), Zweifelhaftes (der unerfahrene und bisweilen wenig souveräne Manager Held) und Schlechtes (der Aufsichtsrat).

Absurdes Schalke: Der Aufsichtsrat hat sein eigenes Wunschkind (Felix Magath) mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt, aber der Aufsichtsrat macht weiter, als habe er mit dem Führungs-Desaster nichts zu tun.

Nicht erst nach den chaotischen Ereignissen der letzten Woche ist es zwingend geboten, die Arbeit dieses Kontrollgremiums einmal kritisch zu hinterfragen.

Inkompetenz & fehlendes Rückgrat

1. Selbst wenn man den “Argumenten” des Aufsichtsrates folgte und Felix Magaths Entlassung als gerechtfertigt ansehen würde, trüge der Aufsichtsrat die entscheidende Mitverantwortung für die aktuelle Krise auf Schalke.

Denn es war der von Clemens Tönnies geleitete Aufsichtsrat, der Felix Magath ausgewählt und mit einem satten Vier-Jahres-Vertrag ausgestattet hat.
Es war der von Clemens Tönnies geleitete Aufsichtsrat, der Felix Magath all die weit reichenden vertraglichen Rechte zubilligte und ihn bewusst zum mächtigsten Vorstandmitglied gemacht hat.
Und es war der von Clemens Tönnies geleitete Aufsichtsrat, der einen Alleinherrscher und Macher installieren wollte, der Schalke von Grund auf umstrukturieren sollte.

Magath ist durch den Aufsichtsrat eben gerade nicht nur als ein ganz normaler Trainer eingestellt worden, sondern wurde bewusst als quasi allmächtiger Heilsbringer inthronisiert. Er wurde Trainer, Manager und Vorstand von Tönnies Gnaden.

Felix Magath war also niemals ein bloßer Angestellter, sondern ein persönliches Projek von Clemens Tönnies, für das er sich auch persönlich bewusst sehr weit aus dem Fenster gelehnt hat. Für die Umsetzung dieses Projekts hat der Aufsichtsrat Felix Magath mit einer in der Branche absolut unüblicher Machtfülle ausgestattet und den FC Schalke 04 damit ganz bewusst und absichtlich einem sehr großen Risiko ausgesetzt. Dieses Risiko hat sich nun verwirklicht.

Und wenn man sich persönlich derart eindeutig mit einer Person verknüpft, auf Risiko spielt, diese Person mit unüblifhen Vollmachten ausstattet, gegen alle Warnungen durchboxt und im Guten auch persönlich gerne von ihren Leistungen profitiert (Clemens Tönnies wurde doch in der Branche und von den meisten Fans nur deshalb und erst dann wirklich ernst genommen, weil er es tatsächlich geschafft hatte, den Meistertrainer Magath zum damals einhellig als “Chaosclub” bezeichneten FC Schalke zu lotsen!), dann kann man sich als Person und als handelndes Gremium auch im Moment des Scheiterns nicht von dieser Person distanzieren.

Man steht und fällt mit ihr.

2. Es ist sportlich objektiv betrachtet nicht zu erklären, einen Trainer zu entlassen, der im ersten Jahr Vizemeister wurde und im zweiten Jahr sowohl das Viertelfinale der Champions League als auch das DFB-Pokalfinale erreicht hat.

Die hervorragenden Ergebnisse der Mannschaft in den entscheidenden Spielen der letzten Wochen widerlegen zudem schlagend die nun gestreute Behauptung, die Spieler hätten gegen Magath revoltiert.

Der Aufsichtsrat stützt seine Kündigung daher neuerdings auf nebulöse Bilanzierungsverstöße bei Transfers im Jahre 2010, bei denen Magath angeblich gegen die 300.000 Euro-Regel verstoßen haben soll.

Zunächst ist festzustellen, dass der Aufsichtrat als Kontrollorgan des Vereins versagt hätte, wenn er von den Transfermodalitäten wirklich nichts gewusst haben sollte.

Ferner scheinen die bislang gänzlich unbewiesenen “Verstöße” eher unwichtiger Natur gewesen zu sein. Denn da Magath vom Verein deswegen nicht angezeigt worden ist, hat er sich strafrechtlich offenbar nichts zu Schulden kommen lassen. Folglich kann es sich nur um Meinungsverschiedenheiten über die Auslegung der Satzung handeln, die man durchaus intern hätte klären können. Die Entlassung des Trainers und Managers rechtfertigen solche Ungenauigkeiten jedenfalls ganz sicher nicht.
Vielmehr wirken diese ganzen wechselnden “Begründungen” so, dass man einen leitenden Angestellten unbedingt irgendwie los werden wollte und sich nachträglich noch notgedrungen irgendwelche Kündigungsgründe ausgedacht hat.

Intrigantes Verhalten & katastrophale Außendarstellung

1. Peter Lange, stellvertretender Aufsichtsratschef von Schalke 04, denkt laut darüber nach, dass man sich zum Saisonende von Felix Magath trennen könnte und ausgerechnet am Tag des Champions League-Achtelfinal-Rückspiels erscheint die Meldung, dass der Aufsichtsrat genau dies beschlossen habe, exklusiv in der WAZ – dem Flaggschiff genau der Mediengruppe, bei der Peter Lange ganz zufällig in der Geschäftsführung sitzt.
Ein Schelm, wer böses dabei denkt…

2. Mitarbeitern kann man kündigen, das ist in der Bundesliga ein ganz normaler Vorgang. Aber es ist unwürdig für einen Verein, wenn die Leitungsgremien nicht genug Stil und Anstand besitzen, zuerst die betroffenen Personen persönlich über die Kündigung zu informieren und erst danach die Medien mit einer entsprechenden Mitteilung zu versorgen.
Auf Schalke erfahren leitende Mitarbeiter (Dittrich) und sogar Vorstandsmitglieder (Magath) die Kündigungsmitteilungen dagegen aus den Boulevardmedien.

3. Ebenso bestens informiert zeigen sich die Boulevardmedien plötzlich wieder über alle Vereinsinterna (neuer Trainer, vertrauliche Gespräche etc.). Während jetzt also alles wieder so chaotisch und unprofessionell abläuft, wie schon bis vor zwei Jahren, ist es dass äußerst auffallend, dass dies während Felix Magaths Amtszeit ganz anders war: Es drang fast nichts nach außen, die Presse tappte ständig im Dunkeln und z.B. auch die meisten Transfers erfolgten ganz stillschweigend.

Unverantwortliche Geldverschwendung

1. Da sich Felix Magath schlauerweise anwaltlich bestens vertreten lässt, ist seiner öffentlichen Klarstellung sehr großes Gewicht beizumessen. Er teilte mit, dass die Wahrnehmung seines vertraglich zugesicherten Sonderkündigungsrechts als Angestellter (für den Fall seiner Abberufung als Vorstand) mitnichten irgendein Schuldeingeständnis darstelle oder gar seinen Verzicht auf die ihm vom Aufsichtsrat vertraglich zugesicherten Abfindungsansprüche bedeute. Er habe sich vielmehr rein gar nichts vorzuwerfen.
Es dürfte also niemanden wundern, wenn der überintelligente Schalker Aufsichtsrat durch sein dilettantisches Vorgehen auch noch die juristischen Grundlagen dafür geschaffen hat, dass Schalke 04 Felix Magath trotz seines neuen Arbeitgebers noch einige Millionen an Abfindung zahlen muss.

2. Neben Felix Magaths Abfindung zahlt der FC Schalke 04 derzeit zusätzlich noch an zwei weitere Manager (Andreas Müller und Horst Held) und demnächst auch an einen weiteren Trainer (wohl Ralf Rangnick) Jahresgehälter im Millionenbereich.
Das heißt: Schalke versorgt dann infolge von Entscheidungen des Aufsichtsrates insgesamt 3 Manager und 2 Trainer – gleichzeitig!
Hinzu kommen werden zusätzlich der neue Betreuerstab des neuen Trainers und natürlich zusätzliche Transferkosten, denn der neue Trainer wird die Mannschaft erneut nach seinen Wünschen umbauen wollen.

3. All diese vermeidbaren Ausgaben summieren sich zu hohen Millionenbeträgen. Für nichts und wieder nichts.
Diese Summen steht dem finanziell klammen FC Schalke 04 nicht ohne weiteres zur Verfügung und müssen deshalb zwangsläufig anderswo eingespart werden.
Im Klartext: Die völlig verfehlte Personalpolitik des Aufsichtsrates wird der FC Schalke 04 mit Spielerverkäufen oder Transferverzicht bezahlen müssen.

Fazit

Die Entscheidungen des Aufsichtsrates der letzten Jahre haben dem FC Schalke 04 wiederholt massiven finanziellen Schaden zugefügt, das Ansehen des Vereins in der Öffentlichkeit für lange Zeitl beschädigt und den Zusammenhalt unter den Vereinsmitgliedern in weiten Teilen zerstört.

Dies alles kann man nur als objektiv vereinschädigendes Verhalten bezeichnen.

Ferner ist Felix Magath vom Aufsichtsrat als Heilsbringer installiert und mit allen Vollmachten ausgestattet worden. Nun ist der Aufsichtsrat der Meinung, der eigene Heilsbringer habe derart versagt, dass er sofort entlassen werden müsse.
Damit ist der Aufsichtsrat selbst gescheitert.

Die einzig logische Konsequenz hieraus wäre der geschlossene Rücktritt des Aufsichtsrates, um den Vereinsmitgliedern zu ermöglichen, im Wege einer Neuwahl in diesem Gremium den dringend notwendigen Neuanfang herbeizuführen.

Posted on
Freitag, März 18th, 2011
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