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Lügenbaron: Weggetreten! (14.03.2011)

Chronologie des unvermeidlichen Scheiterns eines Blenders

 

Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Oder für seine Anhänger kurz: KTG.

Schon allein die Namensfrage spiegelt die gespaltene Wahrnehmung dieser öffentlichen Persönlichkeit wieder.

Oder eben die öffentliche Wahrnehmung dieser gespaltenen Persönlichkeit.

Für die Einen ist der Mann ein wertkonservativer, sympathischer und vorbildlicher Vorzeigepolitiker, für die Anderen ein populistischer, eitler und berechnender Blender.

Was ist der Mann also wirklich?

Erstaunlich, dass sich beinahe alle deutschen Medien bis zur nicht mehr irgnorierbaren Doktortitel-Affäre mit dieser Einschätzung so schwer taten.

Denn wer sich mit Guttenbergs Biographie beschäftigt, merkt sehr schnell, dass man es mit einem Menschen zu tun hat, der schon seit Beginn seiner politischen Karriere wissentlich die Grenzen von Inszenierung und Betrug, Schönfärberei und Lüge verschwimmen lässt.

Affären voller Lug, Trug und Peinlichkeit sind Guttenbergs Vita nicht die Ausnahme, sondern die Regel:

 

Lebenslauf-Lüge

Schon in seiner Vita geht es los. Dort behauptet Guttenberg, er habe als “Freier Journalist bei der Tageszeitung Die Welt” gearbeitet.

Der Axel-Springer-Konzern gibt jedoch an, man könne lediglich bestätigen, dass Guttenberg Praktikant in der Redaktion gewesen sei.

Nach gleichem Muster blies Guttenberg in seinem Lebenslauf auch bloße Studentenpraktika zu “beruflichen Stationen in Frankfurt und New York” auf.

 

Qualifikations-Lüge

Bei seinem Antritt als Wirtschaftsminister im Jahre 2009 begründete Guttenberg seine fachliche Amtseignung vor der Öffentlichkeit so:

“Ein teilwirtschaftliches Fundament durfte ich mir in der Zeit vor der Politik bereits aneignen durch die Verantwortung, die ich im Familienunternehmen getragen habe”.

Diese amtsqualifizierende “Verantwortung” bezog sich in der Realität auf ein Kleinstunternehmen mit exakt drei Mitarbeitern, das im Jahre 2000 einen Jahresumsatz von sage und schreibe 25.000 Euro erwirtschaftete.

Guttenberg gab zudem an, er habe von 1996 bis 2002 dem Aufsichtsrat der Rhön-Klinikum AG angehört.

Andere Mitglieder dieses Aufsichtsrats teilten jedoch mit, Guttenberg sei dort nie wirklich aktiv gewesen. Als 26,5 prozentiger Eigner der Stammaktien sei die Familie Guttenberg zwar rein formal in diesem Kontrollgremium vertreten, mit irgendwelchen eigenen Leistungen Guttenbergs habe dies aber nichts zu tun.

Guttenberg weiter zu seiner wirtschaftspolitischen Qualifikation: “Ich durfte im Zuge dessen mit teilnehmen an einem Gang, den die Familie mit begleitet hat – und zwar federführend mit begleitet hat – eines großen Konzerns, der an die Börse geführt wurde, und der ein M-Dax Unternehmen wurde. Ihnen werden die Rhön-Kliniken etwas sagen”.

An die Börse waren die Rhön-Kliniken in Wahrheit allerdings bereits schlappe 20 Jahre früher gegangen, im Jahre1989 nämlich. Da stand die Berliner Mauer und Guttenberg war noch kein Karl, sondern nur ein Karlchen: 17 Jahre alt und damit wohl eher pickelig-pubertierender Teenager als selbsternannter “Börsengang Teilnehmer”.

 

Tanklaster-Affäre

Als Verteidigungsminister konfrontiert mit der Tanklaster-Bombardierung bei Kundus hatte Guttenberg die Tötung von Dutzenden von Zivilisten am 06.11.2009 gewohnt schneidig und selbstüberzeugt als “militärisch angemessen und notwendig” bezeichnet, nur um schon am 03.12.2009 sein ganz schnell Fähnchen in den sich wechselnden Meinungswind zu drehen und den Angriff nun – ebenso schneidig – als “militärisch nicht angemessen” zu klassifizieren.

Dies 180-Grad-Wendung vollführte er natürlich nicht, ohne sich gleichzeitig selbst dafür zu feiern, wie sehr es ihn auszeichne, einen Fehler zugeben zu können.

Oh ja, es musste auch jemand für diesen groben Fehler bezahlen – aber natürlich nicht Guttenberg selbst: Er entließ stattdessen kurzerhand Staatssekretär Peter Wichert und Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan. Begründung für die in Bundeswehrkreisen äußerst geschätzten Bauernopfer: Sie hätten ihm entscheidende Berichte vorenthalten, die für seine Fehleinschätzung ursächlich gewesen seien. Bei einer seiner zahlreichen Talkshowteilnahmen verstieg sich Guttenberg sogar dazu, den erfahrenen Spitzenbeamten Unterschlagung vorzuwerfen.

Beide Entlassenen beschuldigten Guttenberg daraufhin der Lüge. Dem Minister hätten alle Berichte zumindest in Kopie vorgelegen, zudem habe der angeblich nicht im Original vorliegende Bericht keinerlei neue Informationen enthalten, die dem Minister nicht schon aus anderen Bereichten bekannt gewesen seien. Guttenberg habe also schon seine Fehleinschätzung vom 06.11.2009 in Kenntnis aller Fakten getroffen.

Als hinter vorgehaltener Hand zum ersten Mal das Wort vom “Lügenbaron” die Runde machte, nutzten CDU/CSU und FDP ihre Mehrheit im eingesetzten Untersuchungsausschuss dazu, um die von der Opposition geforderte, direkte Gegenüberstellung der Zeugen mit Guttenberg zu verhindern.

Und Guttenberg kam ungeschoren davon.

 

Showbesuch-Affäre

Kurz vor Weihnachten 2010 stattete Guttenberg “seinen Soldaten” in Afghanistan mal wieder einen Besuch ab. Soweit nicht ungewöhnlich.

Ungewöhnlich aber war, dass er diese Reise auf sich nahm, obwohl schon lange feststand, dass er in weniger als einer Woche ohnehin mit Kanzlerin Merkel nach Afghanistan fliegen würde.

Noch ungewöhnlicher war, dass Guttenberg sich bei dieser Zusatzreise, entgegen allen Gepflogenheiten im Bundesverteidigungsministerium, von seiner ebenfalls nicht eben öffentlichkeitsscheuen Gattin Stephanie begleiten lies.

Höchst ungewöhnlich wurde es dadurch, dass neben der Blondine auch der als Meister der seichten Unterhaltung und Talkshow-Allzweckwaffe bekannte/gefürchtete Johannes (B.) Kerner samt Filmcrew und Material nach Afghanistan gekarrt wurde.

In Afghanistan kaum dem Bundeswehrflieger entstiegen, schritten die „Superguttenbergs“ („Bild am Sonntag“) die „Fränkischen Kennedys“ („Die Welt“), das „konservative Traumpaar“ („Berliner Zeitung“) bzw. das „Duracell-Paar der deutschen Politik“ („Spiegel Online“) sodann, dekorativ in Outdoorkleidung und Splitterweste gewandet, vor der imposanten Kulisse der tapferen deutschen Kämpfer durch den afghanischen Staub. Was für Weihnachtsbilder!

„Das ist kein spaßiger Ausflug“, beteuerte Stephanie zu Guttenberg nach ihrer Ankunft in Kundus. Nur um heldinnenhaft fortzufahren: „Von Angst darf man sich hier nicht überwältigen lassen, sonst ist man eindeutig am falschen Platz.“

Wo Stephanie von und zu Guttenberg den für sie richtigen Platz verortet, hatte sie im Laufe des Jahres 2010 bereits wiederholt unter Beweis gestellt: Für die unsäglich reißerische RTL2-Pseudo-Kinderschutzsendung “Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder!“ hatte sie sich bereitwillig als Moderatorin hergegeben und für ihren Verein “Innosence in danger” kräftig Spendengelder akquiriert (über deren Verbleib und Verwendung hernach allerdings ziemliche Unklarheiten herrschten).

Ihr Gatte jedenfalls ließ sich am im milden Abendlicht von Masar-i-Scharif als Bundesverteidigungsminister in Feldherrenmanier talkend mit Johannes (B.) vor einem Halbkreis aus deutschen Bundeswehrsoldaten und Rüstungsgerät nieder. Ob nun Guttenberg an einer “Kerner”-Show mitwirkte oder eher umgekehrt – sei’s drum. Alle Beteiligten und auch SAT1 waren’s zufrieden.

Andere fanden das Ganze nicht so lustig. Grünen-Chefin Claudia Roth merkte treffend an: „Karl-Theodor zu Guttenberg nutzt die vorweihnachtliche Kulisse in den deutschen Feldlagern in Masar-i-Scharif und Kundus für plumpe Eigen-PR“. Während in Berlin über die Bilanz des bisherigen Einsatzes debattiert werde, produziere der Verteidigungsminister strahlende Bilder mit Gattin im Krisengebiet, ergänzte Roth. „Der extra eingeflogene Hofberichterstatter samt Fernsehstudio wird dabei für die gewünschte Verbreitung sorgen.”

Später musste das Bundesverteidigungsministerium zugeben, dass die Guttenberg-PR-Show sogar mit 17.000 Euro an Steuergeldern bezuschusst worden war.

 

Schusswaffen-Affäre

Nur einge Tage später, am 17.12.2010 – und damit kurz vor dem mit viel Tamtam angekündigten Weihnachtsbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel - war in Afghanistan ein 21-jähriger Hauptgefreiter mit einer Schusswunde aufgefunden worden und wenig später an seiner Verletzung gestorben. Nachdem der Tod des Bundeswehrsoldaten bekannt wurde, sprach Kanzlerin Merkel von einem “tragischen Unglücksfall”, der sich beim Reinigen der eigenen Waffe ereignet habe. Merkel vor Ort: „Das ist einfach nur traurig. Es ist grausam, eine Woche vor Weihnachten die Nachricht vom Tod des Sohnes oder Bruders zu hören.“

Mit im Tross der Kanzlerin war auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg – für ihn war es nach dem Show-Trip mit seiner Frau Stephanie schon der zweite Afghanistan-Besuch binnen einer Woche (s.o.).

Die Geschichte vom “tragischen Unglück” wurde nicht nur der Öffentlichkeit, sondern am 21. und 27.12.2010 auch dem Verteidigungsausschuss des Bundestages aufgetischt.

Dabei war dem Ministerium und seinem Chef Guttenberg zu diesem Zeitpunkt längst bekannt, dass der Soldat sich mitnichten selbst erschossen hatte, sondern (versehentlich) von einem seiner Kameraden erschossen worden war.

Diese bittere Wahrheit hätte sich beim Weihnachtsbesuch der Kanzlerin bei “ihren Jungs” in Afghanistan allerdings nicht ganz so gut gemacht.

Opposition und auch Mitglieder der Regierungskoalition beschwerten sich nach bekannt werden öffentlich über die “bewusste Falschinformation des Parlaments” durch das Bundesverteidigungsministerium.

 

Gorch-Fock-Affäre

Schon kurz danach gab Guttenberg eine weiter Kostprobe seines vorzüglichen Krisenmanagements: Als nach einem tödlichen Unfall einer Kadettin auf dem vor Südamerika kreuzenden Segelschulschiff der Bundesmarine Gorch-Fock in der Boulevardpresse behauptet wurde, dass von Offizieren des Schulschiffs möglicherweise wiederholt Dienstverfehlungen begangen worden waren, wechselte Guttenberg seine Meinung schneller, als andere Menschen ihre Unterwäsche.

Zunächst hatte er sich am 21.01.2011 schneidig und publikumswirksam vor seine Offiziere gestellt und vor überstürztem Handeln gewarnt: “Sie werden von mir keine Vorverurteilung hören”. Er habe dagegen umgehend den Inspekteur der Marine sowie die Rechtsabteilung seines Ministeriums angewiesen, den Sachverhalt aufzuklären und eine Untersuchungskommission zum Schiff entsandt.

Doch nur einen Tag (!) später, also noch bevor diese Untersuchungskommission überhaupt auch nur abgereist war, teilte der “Shootingstar am deutschen Polithimmel” dem staunenden Volk plötzlich gravitätisch via Bild-Zeitung mit:

“Nach einer derartigen Häufung von faktisch erschütternden Berichten kann niemand zur Tagesordnung übergehen”.

Bauernopfer diesmal: Der langjährige Kapitän des Schiffes, Norbert Schatz. Diesen habe er mit sofortiger Wirkung des Kommandos enthoben und – damit nicht genug – die Ausbildung auf dem Schulschiff gleich ganz einstellen lassen.

Das sich Guttenberg mit den “derartigen Zuständen” ganz offensichtlich auf einen schlampig recherchierten, aber dafür umso reicher bebilderten Sensationsbericht der Bild- Zeitung bezog, über dessen bevorstehende Erscheinung ihn die Bild netterweise am Vorabend vorab informiert hatte, sagte Guttenberg natürlich nicht. Und dass Guttenberg seine erneute 180-Grad-Wendung exklusiv ausgerechnet in eben dieser Bild-Zeitung unters Volk brachte: Ein Schelm, wer böses dabei denkt…

Die Stammbesatzung der Gorch Fock jedenfalls warf Guttenberg daraufhin in einem offenen Brief “Rufmord” vor. Einen leitenden Offizier ohne jede Anhörung nur auf Zuruf der Presse zu entlassen, sei unzumutbar. “Wir, die Stammbesatzung der ‘Gorch Fock’, fühlen uns sehr alleine gelassen.”

Wenn der “Superminister” weniger seinen Freunden bei der Springer-Presse und mehr den Fachleuten der Untersuchungskommission vertraut hätte, wäre ihm diese erneute krasse Fehleinschätzung erspart geblieben.

Denn im Untersuchungsbericht der Marine wurde Kapitän Schatz vollständig entlastet. Ein disziplinarrechtlich relevantes Fehlverhalten des Kapitäns oder anderer Offiziere sei nicht zu erkennen.

 

Doktor-Affäre

Guttenberg, der sich mit höchst mittelmäßigem Ergebnis durch das 1. Juristische Staatsexamen gequält (befriedigend im unteren Bereich) und sich am 2. Staatsexamen erst gar nicht mehr versuchte hatte, wollte seinen zahlreichen Vornamen und Adelstiteln dennoch unbedingt auch noch das prestigeträchtige “Dr.” voranstellen. Da ihm seine unzureichende Examennote nicht erlaubt hätte, eine Dissertation anfertigen zu dürfen, erhielt von der Universität Bayreuth flugs eine Sondergenehmigung – man kannte sich ja.

Was Guttenberg (oder sein Ghostwriter) dann am Ende abgeliefert hat, bekam  - selbstverständlich – das höchste Lob und die Bestnote: Summa cum laude.

Pech nur, dass sich diese Arbeit Jahre später ein Juraprofessor nochmals näher ansah. Nicht nur, dass diese Arbeit wissenschaftlich-inhaltlich rein gar nichts Neues beinhaltete (und nach der Prüfungsordnung schon deshalb niemals mit der Höchstnote hätte bewertet werden dürfen), bald stellte sich auch allzu klar heraus, warum die Arbeit nichts Neues enthielt: Sie war abgeschrieben.

Laut GuttenPlag Wiki hatte Guttenberg auf nicht weniger als 75% (!) aller Seiten der Arbeit Plagiate verwendet.

Jeder normale Politiker hätte sich nach Bekanntwerden eines derartig dreisten und offensichtlichen Betruges reuig und möglichst geräuschlos von dannen gemacht. Nicht so der “Superstar der deutschen Politik”: Guttenberg reagierte, wie Guttenberg immer reagiert. Großspurig im Auftreten, geringschätzig gegen seine Kritiker und mediengewandt in der Inszenierung. “Abstrus” nannte er die Vorwürfe am 16.02.2011. Allein “einzelne Fehler” mochte er sich vorstellen: “Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen.”

Am 18.02.2011, als jedem denkenden Menschen langsam das ganze Ausmaß des Betruges zu dämmern begann, kniff der sonst so medienverliebte Guttenberg vor den zu Dutzenden in der Bundespressekonferenz versammelten und mit äußerst unangenehmen Fragen bewaffneten Journalisten. Stattdessen versteckte er sich im Verteidigungsministerium und erklärte dort vor einer kleinen Gruppe zuvor eigens handverlesener Hofberichterstatter in einer Geheimpressekonferenz: “Bis zum Ergebnis der Prüfung (durch die Universität Bayreuth) bin ich gerne bereit, vorübergehend, und ich betone: vorübergehend auf das Führen des Titels verzichten, allerdings nur bis dahin, anschließend würde ich ihn wieder führen.”

Im Übrigen wolle er sich in dieser Sache zukünftig nur noch gegenüber der Universität Bayreuth äußern.

Und Bundeskanzlerin Merkel sekundierte aus dem Kanzleramt, sie habe “volles Vertrauen” zu ihrem Minister.

Nachdem über das Wochenende immer mehr peinliche Plagiatsdetails aus Guttenbergs Dissertation ans Licht gekommen waren (er hatte unter anderem sogar bei seinem Doktorvater und seitenweise beim wissenschaftlichen Dienst des Bundestages abgeschrieben), erklärte Guttenberg auch am 21.02.2011 noch immer nicht – wie allgemein erwartet – seinen Rücktritt. Der Selbstverteidigungsminister versuchte es lieber mit einer weiteren Medien-Inszenierung und marschierte zu ACDC-Klängen wie ein Matador umjubelt in eine Halle voller Roland-Koch-erprobter, glühender CDU-Fans im hessischen Kelkheim ein und erklärte unter dem extatischen Gejohle der Parteikader: Er habe sich seine Arbeit am Wochenende “noch einmal angesehen” und dabei festgestellt, dass er “an der einen oder anderen Stelle” offenbar “den Überblick über die Quellen verloren” habe. Er stehe hier und heute öffentlich zu dem “Blödsinn”, den er da geschrieben habe und das „mit großer Freude und von Herzen gerne vor Ihnen und nicht vor der Hauptstadtpresse.“ Auch wenn es schmerze, er sehe jetzt „wie richtig es war, dass ich gesagt habe, dass ich den Doktortitel nicht führen werde“.

Von Reue keine Spur. Stattdessen  nach altbekannter Guttenberg-Manier Schuldzuweisungen gegen andere: Die Journalisten müssten aufpassen, dass sich die „Maßstäbe nicht verschieben“, denn was die Presse sich in den letzten Tagen geleistet habe, das sei „kein wirkliches Beispiel für exzellenten Journalismus“ gewesen. Seine drängenden Aufgaben in Afghanistan und die toten Soldaten seien in den Medien zur „Randnotiz“ geworden, und dies alles nur wegen einer Debatte über die „Fußnoten in einer ministeriellen Doktorarbeit”. Aber man könne sicher sein: „Eine fränkische Wettertanne hauen solche Stürme nicht um!“

Angela Merkel assistierte abermals aus Berlin und gab erstmals die neue Persönlichkeitsspaltungs-Taktik der Union vor: Sie habe Guttenberg nicht als wissenschaftlichen Assistenten oder Doktoranden, sondern als Minister ins Kabinett geholt. „Mir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister. Die erfüllt er hervorragend, und das ist das, was für mich zählt”.

Voll auf Linie, teilte am 22.02.2011 der Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier (CDU) mit, dass “die CDU/CSU-Fraktion in großer Geschlossenheit hinter der politischen Leistung des Ministers in diesen beiden Jahren steht“. Diese Leistung und der wissenschaftliche Aspekt müssten getrennt werden.

Am 28.02.2011 – Guttenbergs Doktorarbeit war mittlerweile nur noch ein Trümmerhaufen, er selbst hieß in Internetforen mittlerweile “Dr. Googleberg” und es werden Internetseiten unter dem Namen “www.summa-cum-klau.de” eröffnet – wähnen die Unionsbosse die Krise trotzdem überstanden, da flankiert von einer beispiellosen pro-Guttenberg-Kampagne der Bild-Zeitung konstant um die 75% des dem Guttenbergwahn verfallenen Wahlvolks weiterhin in Treue fest zu ihrem “Gutti” stehen.

In dieser Gemengelage platzt der missachteten Wissenschaft der Kragen. 20.000 Doktoranden, Dozenten und wissenschaftliche Mitarbeiter beschweren sich in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin über das Verhalten der Regierung.

Sie schreiben, die Aussage, Merkel habe Guttenberg nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt, sei “eine Verhöhnung aller wissenschaftlichen Hilfskräfte sowie aller Doktorandinnen und Doktoranden, die auf ehrliche Art und Weise versuchen, ihren Teil zum wissenschaftlichen Fortschritt beizutragen.” Bei der Beachtung der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis gehe es nicht um “Fußnoten” oder “Kinkerlitzchen”, die angesichts größerer politischer Probleme vernachlässigenswert seien.

Der Staatsrechtsprofessor Ulrich Battis kritisierte: “Die Aussagen der Kanzlerin sind unglaublich, denn damit stellt sie die Verantwortlichkeiten auf den Kopf. Das ist Missachtung von Wissenschaft.”

Auch Guttenbergs  Doktorvater an der Uni Bayreuth, Prof. Häberle, rückte nun von seinem Zögling ab: “Die in der Promotionsschrift von Herrn zu Guttenberg entdeckten, mir unvorstellbaren Mängel sind schwerwiegend und nicht akzeptabel. (…) Sie widersprechen dem, was ich als gute wissenschaftliche Praxis seit Jahrzehnten vorzuleben und auch gegenüber meinen Doktoranden zu vermitteln bemüht war.”

Der Nachfolger Prof. Häberle an der Uni Bayreuth, Professor Oliver Lepsius, hatte schon am Wochenende zuvor deutliche Worte gefunden: “Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Niemand hätte sich vorstellen können, mit welcher Dreistigkeit hier ein Plagiat eingereicht wird. Es ist ein Ausmaß an Dreistigkeit, das wir bisher nicht gesehen haben.”

Für  Angela Merkel wurde die Luft langsam dünn.

Ob es der “Plagiator” am 29.02.2011 endlich auch begriffen hatte, ist unklar (einiges spricht dagegen). Jedenfalls trat er an diesem Tag endlich zurück.

In seiner Rücktrittserklärung alles wie immer. Er bekannte sich nicht zu seinen Taten und bedauerte sie auch nicht – allenfalls ihre Folgen für seine Karriere. Stattdessen redete er viel über die ganz großen konservativen Werte, die er doch so gern verkörpern wollte. Seinen Anstand, seine Verantwortung und seinen Charakter. Und er schreckte nicht einmal vor der Dreistigkeit zurück, seine Uneinsichtigkeit und sein Zögern bis zum Rücktritt damit zu begründen, dass er ja unbedingt zunächst drei tote Soldaten habe zu Grabe tragen wollen.

Uneigennützigkeit, die zu Tränen rühren könnte – wenn sie doch nur wahr wäre.

Zum (live in der ARD übertragenen!) Zapfenstreich wünschte sich der Pleiten-Pech und Pannen-Minister Guttenberg den Rocktitel “Smoke on the water” vom Bundeswehrorchester. Schon der Volksmund weiß: Kein Rauch ohne Feuer.

Fazit

CDU und CSU kreierten eilig das Guttenberg-Abschiedsbild vom “Superminister”, der seine Arbeit immer hervorragend gemacht habe und nun über einen rein privaten und von der bösen Presse künstlich aufgebauschten Fehler gestolpert sei.

Der Baron ist ja schließlich noch jung…

Dies ist angesichts der geschilderten Faktenlage die vorläufig letzte in einer kangen Reihe medialer PR-Verzerrungen, von denen es in Guttenbergs Biographie nur so wimmelt.

Guttenberg war zwar lediglich 2 Jahre lang Bundesminister, hat es in dieser kurzen Zeitspanne jedoch auf eine schier unglaubliche Anzahl von Affären, Fehlleistungen und Skandalen gebracht.

Der Mann war nicht nur ein wissenschaftlicher Hochstapler, sondern auch als Minister ein Totalausfall.

Medial unauffällige aber fachkompetente Minister-Mauerblümchen wie z.B. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz) sind es, die neben ihm geradezu wie Superminister erscheinen.

Dass Guttenberg wenigsten zum Schluss dem weitsichtigen Rat von SPD-Fraktionsvorstandsmitglied Sebastian Edathy gefolgt ist, hat ihn zumindest vor weiteren peinlichen Enthüllungen seiner Unzulänglichkeit bewahrt, denn die von ihm geplante Bundeswehrreform wird gerade von seinem nicht ganz so fotogenen, dafür aber wesentlich kompetenteren Kollegen de Maizière geschreddert.

Edathy hatte schon früh gesagt: „Guttenberg sollte sich ein Beispiel an der Rücktrittsankündigung seines Showmaster-Kollegen Thomas Gottschalk nehmen. Der Versuch des Wandelns über Wasser hat das letzte Mal vor 2000 Jahren funktioniert. Dass der Verteidigungsminister eher ein Scheinheiliger als ein Heiliger ist, überrascht daher eigentlich nicht wirklich.“

Posted on
Montag, März 14th, 2011
Filed under:
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Politik.
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