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Die Abschaffung der Logik (10.03.2011)

… oder: “Verschenke Neuer für klebrige Gefühle”

 

Wie bemisst man den Erfolg eines Trainers?

Fußballweise wie Beckenbauer, Calmund oder Netzer antworten auf diese Frage im TV regelmäßig: “Am Erfolg!”. Ja ja. Sätze wie “Der Erfolg gibt dem Trainer Recht” oder “Entscheidend ist auf’m Platz” galten als Allgemeingut der Fußballweisheit.

Bis gestern.

Da beförderte der FC Schalke 04, bzw. dessen Aufsichtsrat, die Fußball-Logik kurzerhand auf den Müllhaufen der Geschichte.

Wer auch anders als dieser Verein, in dessen Geschichte Entscheidungen desto häufiger getroffen wurden, je weniger sie mit logischem Denken und Vernunft zu tun hatten.

Unmittelbar vor dem Champions League 1/8 Final-Rückspiel gegen den FC Valencia steckt ein Aufsichtsratsmitglied der WAZ-Mediengruppe, dass Felix Magath spätestens am Ende der Saison entlassen würde. Die Medienbombe platzt – ganz wie beabsichtigt – nur Stunden vor dem Spiel, das fortan medial und gefühlsmäßig völlig in den Hintergrund tritt.

Magath weiß – bis heute! – von nichts, niemand hat mit ihm gesprochen, bevor man ihm die Pressemeute auf den Leib gehetzt hat. Kein Vorstands- oder Aufsichtsratsmitglied bestätigt oder dementiert die Meldung. Die Herren tun das, was sie am besten können: Sie schießen aus dem Hinterhalt und ducken sich dann einfach weg.

Ärgerlicherweise gewinnt Schalke am Abend trotzdem 3:1 und zieht – zum erst zweiten Mal in der Vereinsgeschichte – in das 1/4-Finale der Champions League ein.

Damit hat Magath binnen einer Woche den zweiten großen Saisonerfolg eingefahren: Schalke gehört zu den besten 8 Mannschaften Europas und steht nach 9 Jahren endlich mal wieder im DFB-Pokalfinale. Und das mit einer Mannschaft, die sich mitten im Umbruch befindet.

In normalen Vereinen baut man derart erfolgreichen Trainern Denkmäler. Auf Schalke jagt man sie auf die menschlich schäbigste und niveauloseste Weise vom Hof.

Die “Begründungen” für diesen Schritt werden nun allesamt scheibchenweise über den Boulevard nachgereicht. Magath habe Schalke-Mitarbeiter durch die Einsetzung externer Fachleute vergrätzt. Es gebe Spieler, die mit seiner Art der Menschenführung unzufrieden seien. Er sei menschlich kühl und rede zu wenig.

Diese “Argumente” kann jeder denkende Mensch ungefähr genauso ernst nehmen, wie einen Imbißkunden, der sich darüber beklagt, dass seine Pommes Fett enthielten, seine Bratwurst aus Fleisch gefertigt  und der Ketchup rot sei.

Jeder bekommt, was er bestellt.

Und Felix Magath hat – ganz im Unterschied zu Clemens Tönnies und seinem FC Schalke 04 – genau das gehalten, was er versprochen hat: Er arbeitet einfach wie immer. Genauso, wie jeder Fußballfan ihn aus seinen Stationen in Stuttgart, München und Wolfsburg kannte.

Während aber Tönnies & Co. nach der nicht nur sportlich und medial hochnotpeinlichen Schalke-Saison 2008/2009 händeringend nach einem “Macher”, “Retter” und “Alleinherrscher” gesucht und ihn 2009 höchst dankbar und beglückt in Magath gefunden hatten, werfen sie ihm nun, da er etwa die Hälfte seines Auftrags umgesetzt hat, “soziale Inkompetenz” vor.

Ein sozialer Alleinherrscher? Hört sich verdächtig nach eierlegender Wollmilchsau an. Oder nach einem an den Haaren herbeigezogenen Grund, um jemanden loszuwerden, der einem schlicht zu konsequent und damit unbequem geworden war.

Denn entgegen der medialen Behauptung, Magath sei gescheitert, weil er kein Konzept habe und jeden Kurs vermissen lasse, ist Magath – im Gegenteil! -  daran gescheitert, dass er vom ersten Tag seiner Tätigkeit an seine Linie eisenhart und ohne Rücksicht auf Besitzstände und Befindlichkeiten durchgezogen hat.

In einem Verein, unter dessen Traditions-Dunstglocke es von Fanfunktionären wimmelt, die den Wert ihres bescheidenen Daseins allein daraus ableiten, wie häufig der Trainer ihnen mit Verbalkitsch den Bauch pinselt (“wahre Schalker”…”Seele des Vereins”… etc.), kommt ein rational denkender und unverstellter Macher wie Magath nicht gut an. Denn er gelobte – in wohltuendem Unterschied zu vielen seiner verlogenen Kollegen  - eben nicht opportunistisch, im Herzen ja schon immer Schalker gewesen zu sein. Er versuchte nicht mit billigen Worthülsen zu verquasten, dass er – genau wie alle anderen Bundesligatrainer – schlicht ein Profi und Söldner ist.

Und eben weil er ein kühl kalkulierender Profi ist, hielt er die hauptamtliche Schalker-Fanvertretungskamarilla für das, was sie sachlich auch ist: Nachrangig bis unwichtig.

So hatte er diese selbsternannten “echten Schalker” spätestens dann gegen sich, als diese bemerkten, dass sich die von Magath für notwendig erachteten Änderungen und Reformen nicht nur auf “die Anderen” beschränken, sondern auch sie selbst und ihre eigenen, wohl gehüteten Besitzstände betreffen  würden. Und sie verstanden es auf perfide Weise, eine Horde von vornehmlich pickeligen 16-jährigen unter Hinweis auf die vermeintlich ach so gefährdete “Vereinsseele” derart zu instrumentalisieren, dass diese bereitwillig und medienwirksam (und natürlich völlig unabhängig vom sportlichen Ergebnis) mit stupider Regelmäßigkeit dazu übergingen, Anti-Magath-Plakate an Stadionzäune pinnen.

Im übergroßen Schatten des Alleinherrschers gesellten sich zu dieser unzufriedenen Fanvertreterkombo allmählich immer mehr andere Verlierer: Ihrer Pfründe beraubte Geschäftsstellenmitarbeiter, auf Normalmaß gestutzte Medienvertreter und zartbesaitete Spieler ebenso, wie  “Vereinsinsider” mit C-Promi-Status, die schon seit 30 Jahren alles besser zu wissen glauben (ohne aber je irgendetwas für den Verein geleistet zu haben).

In dem Maße, wie der große Frikadellenvorsitzende Tönnies diesem Pöbel sowie den ihn  flankierenden WAZ und BLÖD nachgab und seine schützende Hand über seinem Wunschangestellten Magath zurückzog, sah sich die Gruppe der unzufriedenen Unwichtigen ermutigt und bestätigt. Und ihr stetiges Arbeiten gegen Verein und Mannschaft führte dann schließlich zu einer gefühlten Realität, die Tönnies heute gewohnt pathetisch-linkisch so beschrieb: “Wir mussten die Reißleine ziehen, es brennt im ganzen Verein lichterloh.”

Wo an exponierter Stelle viel Stroh lagert, brechen schnell Brände aus, möchte man entgegnen.

Fragt sich: Was wird diese neuerliche Höhepunkt der Peinlichkeit bringen?

Der Kamarilla der unwichtigen Intriganten zunächst einmal jede menge klebrig-warme, wichtige und genugtuende Gefühle. Motto: Dem Magath haben wir es gezeigt!

Dem FC Bayern Manuel Neuer, denn der Unverkäuflichkeitsapologet ist ja jetzt glücklicherweise eliminiert, so dass die Tönnies-Hoeneß’sche Kotelett-Connection ihren kolportierterweise schon vor Monaten geschlossenen Neuer-Deal nun ganz geräuschlos über die Bühne bringen wird.

Aber dem S04?

Abgesehen von einem neuerlich rapiden Ansehensverlust bei allen denkenden Menschen zweierlei: Neues Chaos & vor allem horrende Kosten.

Denn jetzt soll ein “junger Trainer à la Klopp” installiert und dann umgehend alles besser werden. Abgesehen davon, dass wir diese geniale Idee schon lange vor den Lüdenscheidern ausprobiert haben (Stichwort: Frank Neubarth), darf man wirklich gespannt darauf sein, wie die immerhin Zweitliga-erprobten Robin Dutts, Thomas Tuchels oder Holger Stanislawskis Spielern wie Raul, Metzelder oder Huntelaar erklären werden, wie man sich in der Champions League zu verhalten hat. Denn damit alles besser wird, müßten die ja nun schließlich mindestens das Champions League-Halbfinale erreichen…

Und die Kosten: Felix Magath und sein Betreuerstab werden nach dieser niveaulosen Unverschämtheit und dem erlittenen Ansehensverlust (zu Recht!) auf ihren vertraglichen Ansprüchen gegen Schalke 04 bestehen – gerüchteweise geht es um eine Summe zwischen 15 und 20 Millionen Euro…

Aber was soll’s: Wir haben’s ja! Schließlich werden wir unser Idol, den deutschen Nationaltorhüter und laut Franz Beckenbauer weltbesten Torhüter für ungefähr dieselbe Summe an die Bayern verscherbeln.

Diese ganze überflüssige, dumme und traurige Magath-Entlassungs-Affaire könnte man aus Schalker Sicht also ganz kurz so zusammenfassen:

“Verschenke Neuer für klebrige Gefühle”.

Das ist Schalke, wie ich es wirklich hasse.

Posted on
Donnerstag, März 10th, 2011
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